Hauptsache 3D
++ 12. September 2011 ++ Pascal Thirion ++
Ich gebe es nur ungern zu, doch nach 1982 hatte ich in dieser Woche endlich wieder einen echten Grund zur IFA nach Berlin zu fahren. Kaum zu glauben: der letzte Besuch ist fast 30 Jahre her. Ungewöhnlich für jemanden, der sein gesamtes berufliches Leben bis heute weitestgehend der Live-Kommunikation gewidmet hat. Und wieder war ich sehr aufgeregt, doch dazu gleich mehr.
Mit knapp 18 Jahren verschlug mich mein Studium nach Berlin. Mein Leben hatte ich bis dahin in Luxemburg (Hauptstadt) verbracht. Und dann Berlin. Eines war schon damals deutlich spürbar: diese Stadt war etwas ganz Besonderes. Alles wirkte wie ein Konzentrat, aber immer in 3D. Was ich nur aus Geschichten kannte, konnte nun hautnah und live erlebt werden. Einiges ist noch heute ohne Anstrengung aus meinem Gedächtnis abrufbar: der Anblick der Mauer mit ihrem widerlichen Todesstreifen, die (nicht nur haus-) „besetzte“ Stadt mit ihren vielen Aktivisten, das tobende Nachtleben mit vielen jungen schlaflosen Menschen, das stolze Berlin auf beiden Seiten der Mauer, so herrlich undeutsch. Wie gesagt: alles live und in echt 3D. Die Stadt hat seitdem ihr Gesicht verändert, doch ihre Seele ist unverändert geblieben. Gott sei Dank! Und damals wie heute wurde nichts, aber auch gar nichts inszeniert. Das dürfte dann auch bis heute der feine Unterschied zu den anderen großen Städten der Republik sein. Berlin muss man sich nicht erarbeiten, man kann es erleben.
Zurück zur IFA. Damals besuchte ich die Funkausstellung, um in echt 3D zu erleben, was man nur aus dem Fernsehen kannte. Unvergessen die Namen der TV-Helden von damals: Wim Thoelke, Alfred Biolek, Hansi Rosenthal, Ilja Richter und Dieter Thomas Heck. Heute kaum noch vorstellbar, doch während der Laufzeit einer IFA wurde damals sogar das Tagesprogramm in Funk und Fernsehen auf das Tagesprogramm der IFA abgestimmt, oder war es umgekehrt? Egal, als Besucher der IFA war man jedenfalls dabei - live und in echt 3D. Und es gab noch vieles mehr. Liebhaber von Musikanlagen kamen voll auf ihre Kosten. Saturn und Mediamarkt bestanden noch nicht. Die IFA war also ein Paradies für HiFi-Junkies. Nach Herzenslust durfte man ausprobieren. Für das emotionale Erlebnis sorgten die musikalischen Hörproben in den schalldichten Kabinen, die CD hatte die Langspielplatte bereits abgelöst. Alles laut mit vollen Bässen, aber auch klar und deutlich, sowie in echt 3D. Heute scheint mir, als hätte es solche Räume auf fast jeden Stand gegeben. Es war aufregend, und mit meiner Dauerkarte habe ich dann auch jeden einzelnen Tag der IFA mitgenommen.
In dieser Woche, fast 30 Jahre später, lief ich wieder ganz aufgeregt über die Messe. Die meisten Produkte haben sich total verändert, das Konsumverhalten im Elektronikbereich allemal. 3D war mit Sicherheit eines der ganz großen Themen. Die Veranstaltung ist sich in vielen Punkten treu geblieben. Bis heute richtet sie sich gleichermaßen an Fach- und Publikumsbesucher. In Berlin haben solche Veranstaltungen Tradition, aber das ist wiederum ein Thema für sich. Ein Aussteller muss sich jedenfalls auf zwei vollkommen unterschiedliche Zielgruppen einstellen. Das ist nicht immer einfach. Große Standflächen einfach zu teilen, ist noch die einfachste Lösung, doch das ist teuer und vor allem personalintensiv. Kleinere Unternehmen müssen sich von ihrer kreativsten Seite zeigen. Bei beiden trifft man als Besucher nicht immer auf klare Botschaften. Diese zu erarbeiten, bleibt dann auch die größte Herausforderung in den nächsten Jahren für alle Kommunikationsfachleute. Gott sei Dank, unser Geschäft!
Abschließend sei aber gesagt: einigen Unternehmen ist es durchaus gelungen, sich mit einer klaren Botschaft zu präsentieren. Und die Veranstaltung hat mir auch dieses Mal sehr gut gefallen. Ich hätte aber wissen müssen, dass zwei Tage einfach zu kurz sind, um alles zu bestaunen. Mir ist aufgefallen, dass gar keine Dauerkarten mehr angeboten wurden. Schade eigentlich. Und damals wie heute stellt sich die Frage: 3D in echt 3D, oder war es echt 3D in 3D? Egal, Hauptsache 3D!

