Kommunikationschance verpasst
++ 20. Februar 2012 ++ Harald Böttcher ++
Moin,
nach einem spannenden Jahresstart, der uns durch die ganze Republik führte, ist jetzt einmal Zeit, den Schreibtisch aufzuräumen und die eine oder andere Fachzeitschrift durchzublättern. Da bin ich doch gleich über einen Artikel in der aktuellen events 01-2012 gestolpert. Dort sinnieren die Kollegen von
Hagen invent über unsere Branche, unseren Markt und die damit verbundenen Herausforderungen. Ich schätze Hagen invent und die beiden Geschäftsführer Adone Kheirallah und Werner Hagen wirklich sehr, was ich dort aber zu lesen finde, ärgert mich irgendwie.
Wie lange wollen wir als Branche eigentlich noch die alte Leier von Dienstleistern wie dem „Metzger von der Ecke, DJ Jörg oder die Kapelle ... vom Heimatfest" spielen? Das ewige Jammern sollten wir doch allmählich einmal hinter uns lassen. Die ernsthaft Marktbeteiligten auf Kundenseite - und das sind zumindest unsere Auftraggeber - haben inzwischen alle einen Professionalisierungsgrad erreicht, die die Leistungsfähigkeit von uns Agenturen sehr gut einschätzen können. Diese Diskussion gehört der Vergangenheit an und wir wollen doch - als Branche - alle in die Zukunft aufbrechen, oder?
Und zum Thema Zukunft gehört auch das Thema Nachwuchs. Ganz Deutschland stöhnt über den Fachkräftemangel. Der FME hat den Nachwuchswettbewerb DAVID entwickelt, die Zeitschrift W&V und der GWA haben in 2011 eine Kampagne gestartet, um junge Menschen für den Einstieg in die Kommunikationsbranche zu begeistern. Und Hagen invent brüstet sich damit, dass der Altersdurchschnitt dort bei Ende 30 liegt. „Kein Praktikant, kein Auszubildender, alles Menschen mit Expertise". Da frage ich mich, was die Kollegen in 20 Jahren machen möchten – nur noch Events für Senioren, weil Sie die Zielgruppe so gut verstehen. Sorry, ich weiß das ist gemein. Aber unsere Branche braucht gut ausgebildeten Nachwuchs und wer, wenn nicht wir Agenturen sollen diesen ausbilden!
Also, ein Aufruf nach Düsseldort: Überlassen Sie bitte diese Nachwuchsausbildung nicht nur Ihren Wettbewerbern. Gut ausgebildete Mitarbeiter sind für uns alle überlebenswichtig. Einmal davon abgesehen, dass unsere Auszubildenden durch eine gute Betreuung in ihrer Ausbildungszeit schon eine erstaunliche Expertise entwickeln. Gleiches gilt auch für Studierende an Hochschulen, die uns in einem sechsmonatigen Praktikum unterstützen. Pssst, der „battle of talents" ist in vollem Gange. Ein Tipp so ganz unter Kollegen: Wir haben da übrigens schon manchen Rohdiamanten gefunden. Und überhaupt: seit wann stehen Expertise und Lebensalter in einem direktem Zusammenhang?
Und noch etwas: Kostendruck ist und bleibt ein Riesenthema unserer Branche. Unsere Kunden erwarten gut ausgebildete Mitarbeiter, die Ihnen auf Augenhöhe begegnen und sie kompetent beraten können. Diese Mitarbeiter erwarten ein entsprechendes Gehalt, das übrigens monatlich und nicht nur, wenn ein Projektauftrag anliegt, von uns Agenturen zu leisten ist. Wir stellen uns da schon häufig die Frage, wohin dieses Tagessatz-Dumping noch führen soll. Das gilt besonders im Lichte der Insolvenzen renommierter Kollegen in jüngster Vergangenheit. Herr Hagen wird jedoch mit den Worten zitiert: „Wer aber nur auf Bananenkisten sitzt oder mit 12-jährigen Schulabgängern seine Konzepte entwickelt, der wird auch nur mit Peanuts bezahlt." Eine, für eine Kommunikationsagentur, rundum erstaunlich einfache Analyse komplexer Zusammenhänge, die niemandem weiterhilft.
Mich hätte es gefreut, etwas mehr Erhellendes in dem Interview zu lesen. So hat zumindest unsere Branche wieder eine Kommunikationschance verpasst.
Harald Böttcher


