Wind - wir brauchen mehr Wind!
++ 30. Mai 2012 ++ Astrid Birkholz ++
Am Samstagabend war es wieder soweit – der alljährliche Eurovision Song Contest öffnete seine Tore. Ein Muss für jeden Eventler, allerdings nicht wegen der gesanglichen Darbietungen. Die aufwendige Bühnentechnik ist das, was den ESC so sehenswert macht. Um dieses Highlight der eventtechnischen Inszenierung nicht zu verpassen, saß auch ich am Samstag mit Family and Friends gespannt vor dem Fernseher. Und was wir dort erlebten, sorgte für allgemeine Heiterkeit – und dies nicht nur, weil sechs russische Omas mit „ohne Zähne“ oder mit Goldzähnen meinten, in diesem Jahr die Spitze des europäischen Gesangsolymps erreichen zu wollen (was ihnen ja auch fast gelang).
Nein – für allgemeine Heiterkeit sorgten die zahllos aneinander gereihten „Special Effects“. Alles ging: hereinfliegende Menschen zum Opening oder vor dem Voting, Bühnenfeuerwerk, Feuerregen, Feuerräder, farbwechselnde Kleider, Wind aus allen Himmelsrichtungen, Konfettiregen, Nebel, Hagelkörner oder Wasser in Form von Springbrunnen.
Schnell drängte sich die Frage bei uns auf, wie das organisatorisch funktionierte. Hatte jeder Teilnehmer im Vorwege eine Liste bekommen, auf der er ankreuzen konnte, welchen „Special Effect“ er gern hätte? Da wurde dann wohl wahllos angekreuzt, egal ob es passte oder nicht. Anders lässt es sich kaum erklären, warum der elegante Auftritt der Sängerin aus Bosnien-Herzegowina – Dame mit Flügel – der auch gut ohne weitere Effekte ausgekommen wäre, plötzlich und unerwartet durch „Wind von vorn“ angereichert wurde.
Für uns wurde es im Laufe des Abends dann zum „Running Gag“, uns auszudenken, was auf dem
„Wunschzettel“ vermerkt wurde. Wahrscheinlich haben die Jungs von Jedward aus Irland so lange über ihrer Liste gegrübelt, dass sie ganz vergessen hatten, ihre Performance einzustudieren. Dementsprechend asynchron verlief die Choreographie und trotz Bühnenfeuerwerk und Tuilerien-Springbrunnen ließ der abschließende Anblick der beiden „begossenen Pudel“ zum Abschluss ihres Auftritts dann auch nichts Gutes erwarten …
Eigentlich genauso war es bei dem Auftritt der Schwedin Loreen bei der Darbietung ihres Titels „Euphoria“. Die Wahl ihres „Special Effects“ war später auch Programm: So wie es während ihres Auftritts auf der Bühne hagelte, so hagelte es auch später auf sie herab – nämlich Punkte aus allen Ländern.
Der Darsteller aus der Türkei – Can Bonomo hat wohl vorher nicht gewusst, dass er eine Ankreuzliste bekommen würde. Deshalb hat er mit seinen ihn begleitenden Freunden ein kleines Laienschauspiel einstudiert und dies in Form einer Kleinkunst-Darbietung – aus tanzenden Fledermäusen entsteht ein Segelschiff, das sich zum Schluss in ein Schiffsbug mit ihm als Gallionsfigur verwandelt – präsentiert. Warum der türkische Hans Albers dann doch auf der Liste angekreuzt hat, dass er gern „sich drehende Seepferdchen“ im Hintergrund haben möchte, bleibt wohl sein Geheimnis! Für uns war er während seiner Performance übrigens ein klarer Favorit auf den letzten Platz – so kann man sich täuschen.
Donny Montell, der Interpret von Litauen, hat sich gedacht „selbst ist der Mann“ und sich als „Special Effect“ eine Augenbinde mitgebracht, die er dann – gähn – während seiner Darbietung abgerissen hat. Hätte er keine Augenbinde getragen, hätte er vielleicht ein Auge auf die Liste werfen können …
Die Sängerin Gaitana aus der Ukraine hat sich die Liste hingegen ganz genau angeschaut und hat ihr mickriges Tanzensemble noch durch ein virtuelles LED-Ballett aufgepimpt. Das zugegeben durchaus besser aussah, als die reale Truppe von tanzenden Lampenschirmen von Pasha Parfeni aus Moldawien. Das coole Bild wurde allerdings durch ihre 70er-Jahre Blumenbadekappe etwas gestört.
Roman Lob hat wohl ganz vergessen seinen Zettel abzugeben, anders ist es nicht zu erklären, dass bei ihm so rein gar nichts passierte. Ein erfrischender Auftritt, der beeindruckend bewiesen hat, dass es in diesem bunten Wettbewerb möglich ist, sich durch gesangliche Qualität und Charisma bis auf Platz 8 vorzukämpfen.
Eine kleine Erwähnung steht sicherlich auch den ältesten Darstellern dieses ESC zu: Die Russinnen brauchten nichts anzukreuzen, denn sie waren selbst schon ein ganz spezieller „Augenschmaus“ und hatten zudem einen drehenden Backofen mit auf die Bühne gebracht. Engelbert Humperdinck agierte die Hälfte der Zeit als schwarz gekleideter Mann vor schwarzem Hintergrund und überzeugte als „Opa mit Lippenstift“ leider niemanden. Da konnte auch der sich in Feuerräder wandelnde Feuerregen im zweiten Teil seiner Darbietung nichts mehr herausreißen.
Wem gar nichts anderes eingefallen ist, der hat Wind bestellt – um die Mähne u
nd vielleicht auch das Publikum in Wallung zu bringen. Inhaltlich richtig war der Wind eigentlich nur bei der französischen Sängerin Anggun, die dadurch die Schleppe ihres Kleides zum Fliegen brachte. Aber dieses Detail ist sicherlich niemandem außer uns so richtig aufgefallen.
Apropos Wind – der einzig richtige Gegenwind kam eigentlich aus Deutschland – in Form der von Anke Engelke geäußerten Kritik am ESC Gastgeberland Aserbaidschan. „Europe is watching you.“
Unser Fazit: Die Ablaufregie, die mit den vielen Künstlern, den verschiedenen Einspielern und dem umfangreichen Content sehr aufwendig war, hat, zumindest für den Fernsehzuschauer, perfekt funktioniert. Die Bühne sah sehr schön aus und die Technik scheint fehlerlos durchgelaufen zu sein. Wir hatten einen recht amüsanten Abend ohne große gesangliche Höhepunkte, aber trotz des bunten Farben-Cocktails in der Crystal Hall hatte die Veranstaltung vor dem politischen Hintergrund für uns einen etwas bitteren Beigeschmack.


